Abschied

Abschiede als Lehrplatz

Abschiede – wie gehst du damit um?

Ich muss zugeben – anfangs mochte ich sie nicht besonders. Die mächtige Scheinzypresse in unserem Garten neben dem Sitzplatz. Zu dunkel und massiv bewachte sie die Nische. Zu wenig Licht und Leichtigkeit vermittelte sie mir. Aber mit den Jahren wurde sie mir lieb. Ihr dunkles Grün hatte auch etwas Beschützendes und dass sie es auch im Winter trug, schenkte der sonst zu dieser Zeit kahlen Gartenecke ein bisschen Frische und Farbe.

Nun ist nicht mehr von ihr übrig geblieben als auf dem Bild: ein bisschen Brennholz für den Pizza-Ofen und ein Loch in der Erde. Opfer einer Pilzkrankheit und eines Borkenkäfers war die vormals Stattliche immer brauner geworden und hatte immer mehr Nadeln verloren. Nichts zu machen – wir mussten uns von ihr verabschieden.

Abschiednehmen fällt den meisten von uns nicht leicht. Wenn uns ein Mensch, ein Tier oder eben auch eine Pflanze liebgeworden sind, wollen wir sie am liebsten immer in unserem Leben behalten. Sie vermitteln uns Gefühle von Geborgenheit, Vertrautem und Verbundenheit. Ohne sie hat unser Leben ein Loch. Und das ist nicht einfach zu stopfen.

Wesen, die uns nahestehen, können wir nicht einfach austauschen und ersetzen. Sogar die Wehmut um die Zypresse bleibt zumindest noch für eine Weile, auch wenn ich mich mit der Aussicht auf ein wunderbares Maulbeer-Bäumchen als Nachfolge freue.

Das Gute ist, dass solche Löcher mit der Zeit zuwachsen. Sie füllen sich langsam wieder auf, wenn wir den Verlust bewusst wahrnehmen, angemessen würdigen und nach vorne auf das schauen, was durch den Verlust neu möglich wird. Wir können dankbar auf das Vergangene zurückschauen – und uns auf das neue Schöne freuen, das nun kommen kann.

Wie gehst du damit um, wenn du einen geliebten Menschen oder eine vertraute Lebenssituation verlassen musst? Verabschiedest du dich leicht, lässt die Situation leichten Herzens zurück und ziehst fröhlich und in Vorfreude auf das Kommende deiner Wege? Oder versuchst du, den Menschen oder die Situation in deinem Leben festzuhalten und an dich zu binden, weil der Verlust dich schmerzt? Oder weil du Angst vor dem noch unbekannten Neuen hast.

Loslassen ist eine Haltung des Geistes, die wir üben können. Es ist eine Fähigkeit, die sich wie jede andere auch durch Training und Wiederholung festigt. Je mehr wir notwendige Abschiede in unserem Leben zulassen, desto freier werden wir.

»Wer loslässt, hat die Hände frei.« ist einer meiner Lieblingsaphorismen, den ich in meiner Arbeit mit Menschen gerne nutze.

Wenn wir loslassen können, erleben wir uns als Meister*innen unseres Lebens. Wir erkennen, dass wir uns selbst um unser Leben und unser Glück kümmern können. Unabhängig von anderen Menschen, Tieren , Pflanzen oder anderen Dingen. Diese werden zum Tüpfelchen auf unserem Glücks-i, sind aber keine unverzichtbaren Zutaten für unser Glück. Wir erleben uns als selbstwirksam und das schafft Vertrauen und gibt Sicherheit.

So werden Abschiede zu Lehrplätzen in Vertrauen – ins Leben und uns selbst.

 

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